Fundgeschichte #1: Der Donnerkeil

Osnabrück 2016. Stadtkerngrabung. Umgeben von spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Befunden, wühlten wir uns durch die Geschichte des Wollweberquatieres in Osnabrück. Ofenkacheln, Textilreste, eine Schere, ein Aquamanile, sogar ein nahezu vollständiges Rinderskelett. Wir haben richtig gutes Zeug gefunden. Alles war stimmig! Wenn man sich mit den anderen Mitarbeiter*innen über die Funde austauschte, gab es die üblichen Antworten. Ein bisschen Irdenware und Steinzeug hier, etwas Glas und ein Steinbeil dort. Stopp, was? Ein Steinbeil? Diese Art von Steinbeil, die in der Jungsteinzeit benutzt wurden und die man jetzt üblicherweise auf Äckern findet? Genau so eines! Das klingt erstmal verrückt, ist es aber gar nicht.

Foto: D. Lau

Vorab erstmal eine beruhigende Information: Steinbeile verortet man tatsächlich primär in die Ur- und Frühgeschichte. Allerdings haben sie im Mittelalter und der Frühen Neuzeit eine Art Revolution erfahren. Ähnlich wie heute kamen auch damals bereits Menschen in den Genuss, ein Steinbeil auf einem Acker zu finden. Der große Unterschied zur heutigen Zeit besteht jedoch darin, dass man unbekannte Dinge mit Magie und höheren, gar dunklen Mächten zu erklären versuchte und nicht mit Wissenschaft. So wurden auch Steinbeile mit einem Aberglauben belegt, der sie jedoch wieder ziemlich populär werden ließ. Steinbeile, oder Donnerkeile (wie sie in diesem Falle genannt wurden), wurden für die Spitzen von Blitzen gehalten. Unterm Dach aufgehängt, alternativ auch unter der Türschwelle vergraben, glaubte man, dass sie einen Schutz vor Blitzen darstellten. Raffiniert, oder? Da die Nachfrage für einen ‚Blitzableiter‘ dieser Art natürlich höher war als das Angebot, konnte sich nicht jeder mit so einem Donnerkeil ausstatten. Umso besser! So haben wir die Möglichkeit fleißig welche zu finden, um sie in einen archäologischen Kontext betten zu können, denn Wissenschaft geht heute vor Aberglauben!

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