Rezension: Quartär 64 – 2017

Quartär – Internationales Jahrbuch zur Eiszeitalter- und Steinzeitforschung / International Yearbook for Ice Age and Stone Age Research
Band 64, 2017. Verlag Marie Leidorf: Rahden/Westf. 287 Seiten, mit 187 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Tabellen und Diagrammen.
Hardcover, Fadenbindung, 21 x 29,7 cm / DIN A4
59,90 €
ISSN 0375-7471
ISBN 978-3-86757-930-8

Rezensiert von Daniel Lau

Der vorliegende Band enthält zwölf englischsprachige Beiträge (mit deutschsprachiger Zusammenfassung) und eine Buchbesprechung. Die Beiträge decken einen Zeitraum vom Altpaläolithikum bis zum ausgehenden Mesolithikum europäischer Fundstellen ab. Zehn Artikel widmen sich aktuellen Forschungen an Fundmaterial (davon zwei Beiträge mit osteologischen Untersuchungen und einer mit experimentalarchäologischen Versuchen) und zwei Artikel haben einen forschungsgeschichtlichen Schwerpunkt. Die Studien bedienen sich dabei einer gängigen aktuellen Methodenvielfalt – von naturwissenschaftlichen Untersuchungen, über Statistik bis hin zu klassischer Typochronologie und technologischen Untersuchungen am lithischen Material. Die wichtigsten Ergebnisse der Beiträge zur Steinzeitforschung sind im Folgenden kurz dargestellt.

C. Bock, V. Neubeck und C. Pasda berichten von den Ergebnissen ihrer Auswertung von rund 23.000 Felsgesteinen vom Fundplatz Steinrinne bei Bilzingsleben aus den Grabungen von 1971 bis 2002 unter der Leitung von Dietrich Mania. Die vorliegende Untersuchung steht in Zusammenhang mit einer kritischen Neubewertung der Altgrabungen und neueren Ausgrabungen an der Fundstelle durch die Universität Jena zwischen den Jahren 2003 und 2007. Die Verfasser (Vf.) kommen zum Schluss, dass die Anzeichen für menschliches Wirken an der Fundstelle sehr gering sind. Die massive Sammlung an Stein- und Knochenfunden, die laut Vf. nahezu keine Spuren anthropogener Beeinflussung zeigen, stamme aus natürlichen depositionalen Prozessen. Die wenigen anthropogenen Spuren könnten von einem einzelnen oder wenigen Individuen bei einem kurzen Aufenthalt an der Fundstelle stammen. Die neuen Ergebnisse stehen damit in deutlichem Kontrast zur vormaligen Interpretation der Bedeutung der Fundstelle Bilzingsleben.

Auch der Bericht von V. Chabai und Th. Uthmeier setzt neue Grabungsergebnisse in Kontrast zu alten Grabungsbefunden. Die Vf. liefern einen Vorbericht zu neuen Grabungen in den Jahren 2012 und 2013 an der mittelpaläolithischen Fundstelle Zaskalnaya V, auf der Krim. Dort wurde zuletzt durch Yu. G. Kolosov zwischen den Jahren 1969 und 1994 großflächig (32,5 qm im Gegensatz zu 4 qm bei den aktuellen Untersuchungen) gegraben. Während in der alten Grabung (mit künstlichen Abhüben) insgesamt 18 Schichten beobachtet werden konnten, differenzieren die Vf. nun insgesamt 110 Schichten, von denen 23 geologische und 87 archäologische Horizonte sind. Die Fundstelle umfasst damit die längste stratigrafische Abfolge des Mittelpaläolithikums (Micoquien), die bislang an Felsdächern in Osteuropa beobachtet werden konnte. Die wiederholten kurzfristigen Nutzungen der Fundstelle wechselten sich mit Phasen der Nichtnutzung ab, in denen es zu Erosion kam, die letztlich auch den Befunderhalt beeinflusst hat. Das lithische Material der archäologischen Einheiten II, IIA, III und IIIA von Zaskalnaya V, passt laut Vf. zu den Ak Kaya Fazies des Micoquien der Krim und ist lokalen Ursprungs. Abweichungen sind bei der ältesten Einheit I und der jüngsten Einheit IV zu bemerken, die den Kiik Koba Fazies zuzurechnen und nicht lokalen Ursprungs sind. Die von den Vf. geäußerten Hypothesen für diese Abweichung nimmt für die Zeit der Einheit IV eine dichte Bewaldung im Umland an, die zu einer schlechteren Verfügbarkeit des Rohmaterials führte. Für die Abweichung im Material bei Einheit I wird eine Einfuhr importierter Werkzeuge nach längerer Wanderbewegung und Verlassen des Felsdaches vor Nutzung lokalen Materials angenommen. Der Beitrag versteht sich als vorläufiges Ergebnis, das durch weitere detaillierte Studien ergänzt und erweitert werden muss.

Der Beitrag von J. A. Frick, K. Herkert, Ch. Th. Hoyer und H. Floss reflektiert die Forschungsgeschichte der Keilmesser mit Schneidenschlag. Vf. geben eine techno-morphologische Definition, was unter einem Keilmesser (KM) und einem Keilmesser mit Schneidenschlag (KMTB) zu verstehen ist und umreißen die umfangreiche Forschungsgeschichte zu diesem Werkzeugtyp, die auf Ch. Méray (1876) und seine Grabungen in der Grotte de la Verpillière zurückgehen. Im Laufe der Forschungsgeschichte kam eine Vielzahl von Begriffen und Synonymen auf, teilweise mit unterschiedlichen Schreibweisen, die mitunter nicht zwischen KM und KMTB unterschieden. Der Beitrag versucht hier Klarheit in der Begriffs- und Definitionsvielfalt zu schaffen. Vf. kommen zu dem Schluss, dass die Schneidenschlag-Modifikation der KM kein pan-europäisches Phänomen ist, sondern vielmehr als ein regionales oder chronologisches Merkmal gedeutet werden sollten, wie neuere Grabungen im Umfeld der Grotte de la Verpillière zeigen.

K. K. Pavlenok, M. B. Kozlikin, A. V. Kandyba, L. Bulatović, A. P. Derevianko und M. V. Shunkov analysieren die Geräteausstattung der Felsdach-Fundstelle Bioče (Montenegro). Erste Ausgrabungen fanden dort 1986 statt, die aktuelle Studie beruht jedoch auf neueren Untersuchungen aus dem Jahr 2013. Vier stratigrafische Einheiten werden unterschieden, von denen Schicht 1.4 mit rund 4500 Steinartefakten die größte Fundansammlung erbrachte und daher in den Fokus der Betrachtung gerückt wird. Das Charakteristische an diesen spät-mittelpaläolithischen Werkzeugen ist ihre geringe Größe von 2 bis 4 cm, so dass von einem Mikro-Mousterian gesprochen wird – dieser Begriff wird zugleich kritisiert, da sich zeigt, dass kulturelle, stilistische und funktionale Aspekte zu einem hohen Maß an Variabilität in den Gerätevergesellschaftungen des Mittelpaläolithikums führten. Die gesamte Geräteausstattung von Bioče ähnelt insgesamt dem Mousterien vom Typ Charentien, insbesondere wird der Komplex von Crvena Stijena als Vergleich herangezogen. Die zentrale Frage, die sich Vf. stellen lautet, wie die Kleinteiligkeit der Artefakte zu erklären ist. Nach Vf. scheidet eine mangelnde Rohstoffversorgung aus. Zwar sind die Rohstoffe von schlechter Qualität, doch groß genug, um sich nicht auf Mikrowerkzeuge zu beschränken. Das Ergebnis der Studie ist, dass die Werkzeuge über längeren Zeitraum genutzt und beständig nachbearbeitet wurden, so dass sich ihre Größe zu kurzen, schmalen und relativ dicken Artefakten reduzierte.

In seinem Beitrag geht D. Pesesse der Frage nach, ob die Bezeichnung „Gravettien” noch relevant für die Forschung sei. Das „Gravettien” bezeichnet Fundinventare, die chronologisch zwischen dem Aurignacien und dem Epigravettien/Solutréen liegen. Vf. stellt dabei jedoch in seinem Beitrag fest, dass es weder ein einheitliches lithisch-typologisches System noch eine einheitliche lithische Ökonomie gibt, die eine umfassende Bezeichnung als „Gravettien” rechtfertigen würde. Selbst die Gravett-Spitzen, die als Leitfossil gelten, finden sich einerseits noch im chronologisch nachfolgendem Epigravettien bzw. Protomagdalenien und fehlen andererseits bereits an Fundstellen des entwickelten „Gravettien”. Vf. warnt gleichzeitig davor, technologisch-lithische Bezeichnungen wie „Fontirobertien” (für ein „Gravettien” mit Font-Robert-Spitzen) oder „Noaillien” (für ein „Gravettien” mit Noailles-Sticheln) als eigenständige „Kultur”-Bezeichnungen misszuverstehen. Vf. schließt seinen Beitrag damit, dass zu wenig über die Genese und interne Differenzierung der als „Gravettien” bezeichneten Zeitspanne bekannt ist, dass aber die Zuschreibung eines neuen Fundortes zum „Gravettien” nicht dazu beitragen wird die komplexen Probleme zu lösen, die einem Verständnis der Epoche im Wege stehen.

M. Händel untersucht die Stratigrafie der Gravettienfundstellen in Krems. Seit dem ausgehenden 19. Jh. wurden die Fundstellen Krems-Wachtberg und Krems-Hundssteig untersucht, zuletzt in einem größeren Grabungsprojekt von 2005–2015. Beide Fundstellen erbrachten eine Reihe von Begehungshorizonten mit Fundstreuungen, Feuerstellen, Gruben und Bestattungen (Wachtberg). Vf. beschreibt die archäologischen Befunde und Fundschichten, auf denen die Rekonstruktion der Stratigrafie (unter Berücksichtigung der Sedimentationsprozesse) beruht. Drei Besiedlungsphasen (I–III) werden unterschieden. Die Phasen I und II datieren dabei in das frühe Gravettien (anhand der CalPal-2007-Hulu Kalibrationskurve datieren diese Phasen in den Bereich des Klimawandels von Grönland-Interstadial 6 zu 5) und Phase III datiert in das nachfolgende Pavlovien. Ein beobachtetes doppeltes Ascheband dient dabei als terminus ante quem (vor Heinrich-Ereignis 3) für die Datierung der gravettienzeitlichen Befunde.

Die „Rohmaterialökonomie und Mobilität im rheinischen Allerød” ist Thema des Beitrags von H. Parow-Souchon und M. Heinen. Vf. zeigen am Beispiel des Federmesser-Fundortes Wesseling (am linken Rheinufer, zwischen Köln und Bonn gelegen), die systematische und statistische Auswertung der vorgefundenen lithischen Rohstoffe. Die Fundstelle wurde auf 1100 qm ergraben, davon waren 700 qm ungestört. Zwölf Aktivitätszonen konnten unterschieden werden, die zeitgleich und zusammengehörig waren und in die Mitte des spätglazialen Grönland-Interstadials 1c1 datieren). Neben Flint wurden Quarzit, Chalzedon und Lydit als Rohstoffe verwendet. Vf. weisen nach, dass die lokal verfügbaren Rohstoffe, innerhalb eines 100 km Radius genutzt wurden (im Falle von Wesseling lagen die Rohstoffe in weniger als 70 km Entfernung). Im Vergleich mit den Rohstoffökonomien anderer Federmesser-Fundstellen im Rheinland zeigte sich, dass es zwei, vielleicht sogar drei Regionalsysteme gab, die anhand der unterschiedlichen lokalen Rohstoffvorkommen unterschieden werden können.

Eine erneute Untersuchung am Knochenmaterial des sogenannten Elchs von Poulton oder High Furlong, steht im Fokus des Beitrags von P. Pettitt, P. Rowley-Conwy, J. Montgomery und M. Richards. Bedingt durch Umbaumaßnahmen im Harris Museum in Preston, hatten Vf. die Gelegenheit das Skelett, des in den 1970er Jahren entdeckten Elches und zweier mit dem Fund assoziierter Widerhakenspitzen aus Knochen, neu zu bewerten. Aufgrund C14-Untersuchungen datiert das Skelett in das frühe Allerød (13–13,2 ka calBP). Zahlreiche Läsionen am Knochenmaterial, einige davon verheilt, führten bislang zu der Interpretation, dass der Elch aufgrund zweier zeitlich mit ein paar Wochen Abstand aufeinanderfolgender missglückter Jagdversuche schließlich verwundet an einem See starb. Vf. konnten nun nachweisen, dass die bislang einer zweiten Jagdepisode zugeschrieben Verletzungen an den Knochen auf die Bergung des Skeletts bei der Ausgrabung zurückzuführen sind. Lediglich die ante-mortem zugefügten Wunden an den Hinterbeinen und eine am Thorax wären ein Beleg für einen missglückten Jagdversuch. Die beiden nahe am Skelett entdeckten Widerhakenspitzen seien im Elch steckengeblieben, dem die Flucht vor seinen Jägern glückte. Dennoch verstarb er wenige Wochen darauf an einem flachen Gewässer. Der Beitrag trägt zum Verständnis der Mensch-Tier-Beziehungen während der Zeit der Federmessergruppen bei. Aufgrund der Untersuchungen am Knochenmaterial kann auf ein Alter des Elchs von 3,5–4,5 Jahren geschlossen werden und sein Todeszeitpunkt auf die Wintermonate (Januar/Februar) eingegrenzt werden.

Der Beitrag von J. Orschiedt, U. Kierdorf, M. Schultz, M. Baales, A. von Berg und St. Flohr präsentiert die Ergebnisse der Untersuchungen an den spätpaläolithischen Menschenresten aus Neuwied-Irlich. Die Knochen von vier Individuen (ein adultes, drei Kinder) wurden 1957 gefunden und waren mit rotem Ocker, einer Geweihspitze, zwei Feuersteinwerkzeugen (Rückenmesser und Lamellenstichel) sowie einem verzierten und durchbohrten Rothirschzahn vergesellschaftet. Die Fundstelle ist mittlerweile dem fortgeschrittenen Sandabbau zum Opfer gefallen und gestattet keine Nachuntersuchungen. Für die Knochenfunde liegen vier AMS-Radiokarbondatierungen vor (kalibriertes Alter zwischen 14500 und 13900 BP). Vf. deuten die Fundassemblage als Hinweis auf eine Bestattung, dabei kann aufgrund der nur marginal dokumentierten Fundumstände jedoch nicht mehr rekonstruiert werden, ob es sich um Einzel- oder Mehrfachbestattungen handelte. Neben den Knochenfunden aus Bonn-Oberkassel, stellen die Funde aus Irlich die einzigen unzweifelhaften Menschenreste aus dem Spätglazial in Mitteleuropa dar.

Die Jäger-Sammler-Gesellschaften des Ahrensburgien und Swiderien werden aufgrund der namensgebenden Stielspitzen voneinander unterschieden, obwohl hinsichtlich der lithischen Inventare (technologisch und typologisch) große Ähnlichkeiten bestehen. Der Artikel von I. Sobkowiak-Tabaka und K. Winkler untersucht Fundstellen der beiden Gesellschaften an der mittleren Oder. Östlich des Flusses herrschen Fundstellen des Swiderien vor und westlich solche, die dem Ahrensburgien zugeordnet werden. Es sind aber sowohl Mischinvenatare als auch Fundstellen des Swiderien westlich und umgekehrt die des Ahrensburgien östlich der Oder bekannt. Vf. kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass das zur Verfügung stehende archäologische Material in keinster Weise eine Trennung der beiden Gesellschaften rechtfertigt und dass vielmehr von einer Kontaktzone beider Gruppen im Gebiet zwischen Weichsel und Elbe ausgegangen werden muss.

Mit dem Stielspitzen-Technokomplex setzt sich auch der Beitrag von D. Stefański auseinander. Vf. untersucht Siedlungen im westlichen Teil des nördlichen Karpatenvorlandes, in der Region um Krakau, und unterscheidet drei Phasen des TPT (Tanged Point Technocomplex), der vom Ende des Allerød-Interstadials bis in das Frühmesolithikum reicht. Die frühe Phase entspricht mit Fazies I (nach Vf.) noch dem Swiderien, während die späte Phase mit Fazies III dem post-Ahrensburgien zuzuordnen ist. Fazies II ist bislang zu wenig erforscht, um diesen Übergang erklärbar zu machen. Die späte Phase ist eigentlich bereits in das Mesolithikum zu stellen, hat aber deutliche paläolithische Ursprünge und auch der Wandel in der Subsistenzform ist derart langsam, dass Vf. vorschlägt auch für die späte Phase des TPT den Begriff Epipaläolithikum zu verwenden.

Sogenannte Zwischenstücke oder „Punches” dienen der Flintherstellung mit indirekter Schlagtechnik. Der Artikel von S. Hartz und M. Zhilin untersucht Gebrauchsspuren an Zwischenstücken aus Geweihsprossen von der spätmesolithischen Ertebølle Fundstelle Grube – Rosenhof LA 58 (Ostholstein). Mittels Schlagexperimenten versuchen Vf. neue Erkenntnisse zur ertebøllezeitlichen und frühneolithischen Klingentechnik im Norddeutschen Raum zu gewinnen. Analysen an 37 Artefakten aus Rosenhof und die Schlagexperimente sind die Grundlage für die Rekonstruktion von Herstellung und Nutzung dieses im norddeutschen Raum weitverbreiteten Werkzeugs.

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